Psychologische Folgen der Pandemie

Jetzt verlassen wir endgültig meine Kernkompetenz. Da es aber zahlreiche Studien zu den psychologischen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Pandemie gibt und das sicherlich auch ein interessanter Aspekt ist, habe ich mich entschlossen, hier einige aktuelle Arbeiten anekdotisch vorzustellen.

BMJ Open 2020 Dec 12;10(12):e043805. Social, financial and psychological stress during an emerging pandemic: observations from a population survey in the acute phase of COVID-19

In dieser Arbeit aus Kanada wurde mit Hilfe eines Fragebogens untersucht, wie sich der Stress Level in der Bevölkerung durch die Pandemie verändert hat. Nicht überraschend ist, dass der Stress sich insgesamt von einem moderaten vor der Pandemie auf ein mittleres Niveau erhöht hat. Interessant ist hier vielleicht, welche Gruppen besonders stark betroffen waren: so zeigten Frauen und jüngere Menschen einen stärkeren Anstieg des Stress Levels. Auch Menschen mit psychiatrischen Vorerkrankung und hohem Alkoholkonsum waren stärker betroffen. Hilfreich waren hingegen körperliche Aktivität und künstlerische Tätigkeit.

Addict Behav. 2020 Dec 3;114:106754. Substance use and abuse, COVID-19-related distress, and disregard for social distancing: A network analysis

In dieser Studie aus Kanada und den USA werden zunächst zwei verschiedene Syndrome beschrieben, die in der Bevölkerung zu beobachten waren. Zum einen das COVID19 Angst Syndrom, das sich zum Beispiel durch Angst vor Ansteckung und wirtschaftlichen Einbußen, COVID19 Albträumen aber auch fremdenfeindlichen Einstellungen, in dem Sinne, dass Fremde das Virus einschleppen könnten, auszeichnet. Im Gegensatz dazu das COVID-19 Verleugnungssyndrom, bei dem die Betroffenen annehmen, sie seien immun gegen das Virus, die Auswirkungen der Pandemie würden übertrieben dargestellt. Entsprechend werden in dieser Gruppe die Hygienemaßnahmen nicht eingehalten. Obwohl beide Einstellungen ja offensichtlich gegensätzliche Pole sind, konnte die Studie zeigen, dass in beiden Gruppen der Konsum von Drogen und Alkohol gegenüber der Vorpandemie-Zeit zugenommen hat.

J Sex Med. 2020 Nov 27;S1743-6095(20)31045-6. Coping Using Sex During the Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) Outbreak in the United Kingdom

Diese Studie aus Großbritannien untersuchte, inwieweit Sex als Mittel eingesetzt wird, um mit der COVID-19 Pandemie umzugehen und welche Faktoren auf dieses Verhalten Einfluss haben. Insgesamt fand sich kein unterschied: jeweils etwa ein Drittel hatte weniger gleich viel oder mehr Sex während der Pandemie. In der Gruppe mit mehr Sex als Kompensationsmechanismus waren vermehrt Männer, jüngere Personen und Menschen mit einer emotionalen Instabilität. Menschen die nicht alleine lebten, Männer und jüngere Personen hatten mehr Sex, der mit Gewalt- bzw. Vergewaltigungsaspekten einherging.

Front Psychiatry. 2020 Nov 12;11:577427. The Effects of COVID-19 Among the Elderly Population: A Case for Closing the Digital Divide

Diese Studie aus den Niederlanden beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Pandemie und den Möglichkeiten der digitalen Welt, diese Auswirkungen teilweise zu kompensieren. Es wird beschrieben, dass gerade die älteren Personen sowohl durch COVID-19 besonders stark gefährdet sind als auch von den Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie besonders stark eingeschränkt werden. Aufgrund der digitalen Spaltung der Gesellschaft haben gerade ältere Menschen nur bedingt Zugang zu digitalen Alternativen. Die Studie mahnt dazu, schnell was etwas zu tun, damit auch ältere Menschen digitale Wege nutzen können, um so zum Beispiel die eingeschränkten sozialen Begegnungen zumindest teilweise auszugleichen.

Psychol Health Med 2020 Dec 10;1-7. COVID-19 pandemic fear, life satisfaction and mental health at the initial stage of the pandemic in the largest cities in Poland

Diese Studie aus Polen beschäftigt sich mit der Lebensfreude und Zufriedenheit vor und in der Pandemie. Wie zu erwarten haben sich beide Aspekte in der Pandemie signifikant verschlechtert. Die Hauptsorgen waren Angst vor einem tödlichen oder schweren Verlauf der Krankheit bei nahen Verwandten oder Freunden (circa 75 %) sowie die Angst vor persönlichen wirtschaftlichen und/oder sozialen Einbußen (etwa 65 %).

BMJ Open. 2020 Dec 8;10(12):e045593. Which factors should be included in triage? An online survey of the attitudes of the UK general public to pandemic triage dilemmas

Diese Studie ist aus Großbritannien beschäftigt sich mit einem ernsten Thema, der Triage. Stehen nicht mehr für alle Patienten ausreichend Behandlungsmöglichkeiten (z.B. auf der Intensivstation) zur Verfügung wird bei der Triage entschieden, wer eine Behandlung bekommt und wer nicht. Die Studie fragte nun in der Gesamtbevölkerung, welche Kriterien für diese Entscheidung angewendet werden sollten. Die Mehrheit der Befragten würde solche Patienten behandeln, die eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit haben, die eine kürzere Behandlungsdauer brauchen, die eine höhere Lebenserwartung haben, die jünger sind und weniger gebrechlich. Gibt es keine Unterschiede zwischen den Patienten bezüglich dieser Kriterien würde eine Mehrheit dafür plädieren, eine Münze zu werfen.

Int J Environ Res Public Health. 2020 Dec 5;17(23):9096. Investigating the Psychological Impact of COVID-19 among Healthcare Workers: A Meta-Analysis

In dieser Studie wurden die Ergebnisse von zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten zu den Auswirkungen der COVID-19 Pandemie auf Mitarbeiter des Gesundheitswesens untersucht. Diese Studien umfassten insgesamt etwa 80.000 Personen. Folgende Symptome wurden in ihrer Häufigkeit beobachtet: Angst 34 %, Depression 32 %, Stress 40%, posttraumatische Belastungsstörung 11 %, Schlaflosigkeit 28 % und burnout 37 %. Frauen, Pflegepersonal und Mitarbeiter mit direkten Patientenkontakt waren häufiger von Angst und Depressionen betroffen als Männer, Ärzte und andere MitarbeiterInnen des Gesundheitswesens.

BJPsych Open. 2020 Dec 7;7(1):e11. Public behaviour in response to the COVID-19 pandemic: understanding the role of group processes

Diese Studie aus Großbritannien befasst sich mit theoretischen Aspekten der Reaktion von Menschen auf Bedrohungen im Allgemeinen und auf die Corona Pandemie im Besonderen. Als erstes wird diskutiert ob und wie Menschen auf Bedrohungen reagieren. Historisch gesehen ist eine Unterschätzung der Bedrohungslage häufig zu beobachten. Dies liegt zum einen daran, dass manche Dinge so lange nicht mehr vorgekommen sind (in diesem Falle eine Pandemie), dass die Menschen denken „uns wird es auch nicht passieren“. Der zweite Punkt ist die Relevanz für die Gruppe der man angehört. Betrifft einen die Bedrohung nicht persönlich (wie in diesem Falle jüngere Menschen) so wird sie auch insgesamt als gering eingeschätzt. Die Wahrnehmung einer Bedrohung ist oft nicht direkt, sondern über Kommunikation mit anderen vermittelt. Verhält sich mein unmittelbares soziales Umfeld so, als gäbe es keine Gefahr, dann bin ich eher geneigt, das auch zu glauben. Historisch gesehen halten sich Menschen in Bedrohungssituationen umso stärker an staatlich vorgegebenen Maßnahmen, wenn die staatliche Autorität als legitim respektiert wird und ein Gemeinschaftsgefühl von Regierung und Gesellschaft und gemeinsame Werte vorhanden sind. Erläuterungen zur Wichtigkeit der Maßnahmen und regelmäßige transparente Informationen erhöhen, Strafandrohungen und Anwendung staatlicher Gewalt senken die Akzeptanz. Die Lockdown Maßnahmen in Großbritannien wurden zunächst von der Masse der Bevölkerung sehr gut akzeptiert, im Laufe der Wochen stellte sich jedoch eine geringere Akzeptanz ein. Als Ursache hierfür wird unter anderem diskutiert, dass die Regierung klare Verbote und Regelungen durch Empfehlungen ersetzt hat.

Wer des englischen mächtig ist, sollte diese Arbeit unbedingt lesen. Daraus ergeben sich viele interessante Aspekte für die politische Arbeit in Bezug auf die Pandemie. Wer will kann mir schreiben dann schicke ich euch ein PDF File zu.

© PD Dr. med. Oliver Kretz