Medikamente gegen SARS-CoV-2

Neben der Entwicklung von Impfstoffen ist die Entwicklung wirksamer Medikamente zu Behandlung von COVID-19 eine weitere wichtige Säule, um die Folgen der Pandemie zu bekämpfen und der Krankheit einen Teil des Schreckens zu nehmen. Während die Impfstoffentwicklung rasch weltweit zu Erfolgen führte, ist es bei der Entwicklung und Testung möglicher Medikamente noch nicht zu spektakulären Durchbrüchen gekommen. Dennoch wird natürlich schon seit letztem Jahr daran geforscht. Hier ein Überblick zum Stand der Dinge:

  1. Antivirale Medikamente

Diese sollen das Eindringen des Virus in menschliche Körperzellen bzw. die Virusvermehrung im Körper verhindern. Ein Ansatz ist, die Viren in den oberen Atemwegen zu zerstören. Hierzu sind einige Nasensprays in klinischen Studien, in denen sich zu zeigen scheint, dass die Viruslast z.T. deutlich gesenkt werden kann. SARS-CoV-2 können nur in menschliche Zellen eindringen, wenn sie an bestimmte Oberflächenrezeptoren andocken. Medikamente, die entweder die Dichte dieser Rezeptoren auf menschlichen Zellen absenken oder durch einen Überschuss freier Rezeptoren die Viren „abfangen“, sind in klinische Studien und zeigen dort ersten ermutigenden Ergebnisse. Eine weitere Möglichkeit, Viren abzufangen, ist die Gabe von neutralisierenden Antikörpern. Diese Projekte sind z.T. schon recht weit fortgeschritten. Die Firmen Lilly und Regeneron besitzen für eines ihrer Antikörperpräparate bereits eine Notfallzulassung in den USA, das Zulassungsverfahren in Europa läuft. In einer Phase III-Studie senkte das Präparat von Lilly die Entwicklung schwerer Symptome von 1,95 % (Placebo) auf 0,5 % (Wirkstoff). Von den mit den Antikörpern Behandelten überlebten alle, in der Placebogruppe starben vier Personen. Die Zahlen passen zu einer früheren Phase III-Studie, bei der man etwa 70 % geringere Krankenhauseinweisung und Sterblichkeit beobachtet hatte.  In einer Phase-II/III-Studie mit ambulant behandelten Patienten reduzierte das Regeneron Präparat sowohl Hospitalisierung wie auch Sterblichkeit um 70 Prozent. Zahlreiche deutsche Firmen (z.T. in Zusammenarbeit mit deutschen Universitäten) und internationale Firmen und Konsortien forschen an der Entwicklung von anti-SARS-CoV2 Antikörper, die sich z.T. noch im Tierversuch oder in ersten klinischen Studien befinden. Das Problem bei den bereits zugelassenen Antikörpern von Lilly und Regeneron ist die relativ aufwendige großtechnische Herstellung und daraus resultierenden Lieferengpässen.

Zu den Medikamenten, die die Virusvermehrung in der Zelle hemmen sollen, zählen Malariamedikamente und Remdesivir. Während bei ersteren gezeigt wurde, dass sie keinen Nutzen bringen, ist Remdesivir zur Behandlung zugelassen. Obwohl in der USA viel genutzt und weltweit verkauft, ist Wirksamkeit dieses ehemaligen „Hoffnungsträgers“ etwas in Frage gestellt worden, da neuere Studien die positive Wirkung auf den Krankheitsverlauf nicht bestätigen konnten. Zahlreiche andere Wirkstoffe, die die Virusvermehrung in der Zelle hemmen sollen, sind in unterschiedlichen Phasen der Entwicklung (darunter Präparate die ursprünglich zur Behandlung der Grippe, von Depressionen oder Parasiten entwickelt wurden).

  1. Herz-Kreislauf-Medikamente

Ein wesentliches Merkmal von schweren COVID-19 ist die Bildung von Blutgerinnseln in verschiedensten Organen wie z.B. Lunge, Niere und Gehirn. Zur Behandlung werden verschiedene Heparine erfolgreich angewendet. Weitere Heparin ähnliche Gerinnungshemmer sind in der Erprobung. Nachdem sich in rückblickenden Untersuchungen angedeutet hatte, dass auch ASS (wie es zur Schlaganfall- oder Herzinfarktvorbeugung eingesetzt wird) helfen könnte, laufen auch Studien zur Wirksamkeit von ASS.

  1. Immunreaktion dämpfende Medikamente

Grundsätzlich ist die Immunreaktion zur Abwehr der im Körper befindlichen Viren erwünscht. Bei einem Teil der Patienten kann die Immunabwehr jedoch über das Ziel hinausschießen und dann selbst großen, z.T. lebensbedrohlichen Schaden anrichten. Zur Dämpfung dieser Überreaktion wird das Medikament Dexamethason, ein seit langem bekanntes Kortison ähnliches Präparat, erfolgreich eingesetzt. Daneben sind weitere Kortisonverwandte in der Praxis und in klinischen Studien im Einsatz. Aufsehen erregte in diesem Zusammenhang eine kürzlich veröffentlichte Studie zum Einsatz eines Budesonid enthaltenden Asthmasprays. In dieser Studie aus Großbritannien wurden ca. 140 Patienten in einem frühen Stadium von COVID19 mit Budesonid oder Placebo behandelt. Die Budesonid-Gruppe zeigte weniger schwere Symptome, weniger Krankenhauseinweisungen, eine schnellere Erholung und weniger Langzeitbeschwerden.

© PD Dr. med. Oliver Kretz

Stand April 2021

Originalpublikation

https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2021.02.04.21251134v1